Zivilisationen in Transition: Gesellschaftswelten als
transformierender Determinator
Eine klärende Reflexion von J Michael Heynen *
I Freiheit im internationalen System
Der Mensch ist frei in einen universellen Raum des freien Willens geboren – zu oft nicht in die äußere Freiheit, jedenfalls aber in den evolutiven Prozess der Befreiung. So ist individuelle wie gesellschaftliche Entwicklung immer zuerst Emanzipation hin zum frei erkennenden Bewusstsein. Je mehr dies gelingt, umso mehr reift die Erkenntnis über die Ordnung als Immanenz der Freiheit. Ordnung wird so vor allem zur äußeren Bedingung der Freiheit, und ihre Determination kommt aus Geist als Prizipienstifter jeder Normativität. Und dies gilt für jedes Subjekt der internationalen Beziehungen, zuerst für den Menschen.
Geprägt von Renaissance und Aufklärung sowie auch horribler Empirie, entstand das lange wirksame westphälische Friedens- / Ordnungssystem der internationalen Beziehungen (der Staaten). Gemäß regionaler Selbstwahrnehmung wurde damit ein Ordnungssystem „auf die Welt“ übertragen. Dieser artefaktische Universalismus hat sich heute überlebt und beklagt seine selbst bewirkte Paralyse. - Eine anamnestische Auswahl von Gründen:
II Zum Niedergang „Alter und Neuer Weltordnung“
- Die illegitime „Globalisierung“ des westphälischen Systems ist durch Doppelstandards sowie mangelnde Selbstregulierung der realen, zumal rein materiell-technischen Globalisierung konsequent vaporisiert worden. In der Folge endeten Politikversuche in reinen Geopolitiken und projizierten inneren wie äußeren „Kulturkämpfen“ oft auch als immer noch nicht überwundenen „Mein Kampf“. Liberale Normativität und Ordnungen wurden als Camouflage des überlebten wie überdehnten angelsächsischen Eigentumsbegriffs und seines dialektischen „Zwillings“ roher marxistischer Egalisierung recht erfolgreich benutzt und also konterkariert. Ein schein-transitorischer Übergang in technoid-materiellen Feudalismus und Plutokratismus ist wohl konsequent und gewollt. Internationales Recht liberaler Ordnung – abhängig von höchster Freiwilligkeit – wird dann „befolgt“, soweit es neo-kolonialistischen wie - imperialistischen Zielen dient und aufgrund minimaler Transparenz die gebotene „compliance“ und „integre“ Form wahren hilft.
- Die Überwindung der absoluten Monarchie (westliche Ausnahme: der Vatikan) war so letztlich rein formaler Austausch der offiziellen Repräsentanz. Das Paradigma „Von Gottes Gnaden“ wechselte den Projektor, ein egozentrischer Auto- / Plutokratismus – eingebettet in Gleichheitsphantasien und Partizipationsprojektionen – mit selbstgerechtem Weltgeltungsanspruch hat sogar das Potential weltweiter Systemangleichung, was im UN Kontext zur Friedensstiftung taugen könnte. Nicht gelöst bleibt die nachhaltige und letztlich zivilisationsgefährdende Diskonnektierung von Staat und Gesellschaft. Die lebende Anschauung bieten vor allem die zahlreichen Außenpolitiken: die Repräsentanz kleinbürgerlicher Provinzialität und diplomatischer Inkompetenz sowie illegitimer Allmachtsphantasien, hegemonialer Zentripedalität, imperialen Chauviinsimus’, kurzsichtiger Gewalteskalation und Kriegstreiberei. Der gesellschaftsvertragliche Auftrag an den Staat und die Staatenwelt ist ad-absurdum geführt, und so sind menschheitlich-zivilisatorische Visionen und also Zukünfte unerreichbar. Notwendende minimale Ansätze transnationaler Ordnungspolitik werden systematisch vaporisiert.
- Das verbliebene „kleine Format“ ego-zentripedaler Außenpolitiken wird welt-messianistisch vermessen und also zur rein quantitativen, paternalistischen Staatlichkeit. Die damit korrespondierende innere Entkopplung von Staat und Gesellschaft mit der Konsequenz illegitimen Regierens (unabhängig von Inkompetenz, fehlender Integrität und Transparenz) hat die eigene (westphälische) Freiheits- und Friedensordnng eben des Westens zerstört: Verfassungen sind ausgehöhlt, die menschenfernen Formen des Regierens und seelenlose Governance-Artefakte lösen die Gründe und Substanzgeltung der Freiheit ab und spiegeln sich direkt in feudalistisch-imperialistischen „Außenpolitiken“ wider. Die dadurch erzeugte post-nationale, insbesondere aber zunehmende post-staatliche Irreversibilität bedingt systematische wie systemische Entleerung eben der Gesellschaften und überlässt sie ihrem historisch geübten Schicksal.
- Ein Regieren als Ausdruck zeitlos, klassischer Staatskunst ist also abgelöst von faktischer wie insbesondere geistiger „Insolvenz“, so fällt Staatlichkeit als Grundlage internationaler Ordnungsmacht, als Kontinuum transnational kreativer Entwicklung und Friedensstiftung aus. Dies gilt erst recht für die aktuellen Versuche der Beherrschung durch technokratisch-materialistisch-militaristische sogenannte Neu-Eliten. Die messianistische Eigenwahrnehmung – von den Glaubenskriegen zum regionalen Universalismus bis hin zu heutiger egozentrischer Kapitalkumulation etc. - lehrt: Herkunft ist nicht auch Zukunft, und ein Absolutismus im Äußeren existiert nicht, denn die universelle Welt ist relativ. Und genau dies gilt zuerst für eine freie Politik der Internationalen Beziehungen speziell im Sinne transnationaler Ordnungspolitik im Geiste zivilisatorischer Zukunftsbestimmung.
III Transnationale Ordnungspolitik
Jede Ordnung ist, vor allem als Freiheitsordnung, minimal regelbasiert und – analog zum Regelkreis – dynamisch, um früh- / rechtzeitig Entwicklungen und Änderungen zu antizipieren. Jenseits ihrer Immanenz kann sich eine Ordnung auch auflösen und – im Falle der Freiheitsordnung – ersatzlos vegetieren. Der in einem universellen Raum des freien Willens geborene Mensch ist im Falle unfreier Lebensbedingungen der rohen Existenz auf Reptilienlevel ausgeliefert, also ganz im Gegenteil zu seiner zivilisatorischen Evolution. Rechtslosigkeit, Anarchie und Chaos oder erstarrte Ordnung sind dann zugleich die Auslöser eines potentiellen Zivilisationskollapses. Haben statt Sein und Bewusstsein haben so eine weltweite fundamentale Krise herauf beschworen, letztlich eine absehbare Konsequenz, die ein messianistischer Transhumanismus zuätzlich kathalysiert.
Wenn machtpolitische Staats-Egozentrik der letzten Jahrhunderte jedenfalls die europäische Renaissance und Aufklärung – den Humanismus - verraten haben, so ist endgültig bewiesen, dass nur Gesellschaften und ihre Eliten vor allem im transnationalen Zusammenleben von Menschen die politisch-geistige Führung aus Bewusstsein und also Zukünfte gewährleisten können. Denn internationale Ordnungspolitik ist daher zuerst aus transnational-universeller, individuell-gesellschaftlich geistiger Freiheitsordnung zu schöpfen und zu legitimieren. Jedes andere Verfahren internationaler Ordnungsstiftung wird wie gehabt wieder und wieder scheitern, da es die evolutive Kernsubstanz des Menschen ignoriert. So führt auch die große letzte Nachkriegsordnung der Vereinten Nationen und ihre fundamentale Krise – ein tragisches Scheitern – recht präzise in die Wechselpotentiale einer globalen Transformation vor allem der Politik der Internationalen Beziehungen: Transnational assoziierende Gesellschaftsformate sind also die einzig legitimierende treibende Macht zivilisatorischer Bestimmung menschlicher Zukünfte.
IV Gesellschaft – Markt – Administration
Klar ist: Es braucht die Staatlichkeit – als Gegenentwurf zur Anarchie: professionell, transparent, integer – zur Organisation, Koordinierung und abgeleiteten Regelung / Ordnung freier Handlungsräume. Dazu zählen präzise legitimierte Gewaltmonopole und formale Souveränität auch in den Außenbeziehungen: Der Staat als minimaler Administrator zwischen Gesellschaften und Märkten – innerstaatlich wie außerhalb. Die Machtfaktoren einer solchen transnationalen Ordnungspolitik liegen zugleich ausschließlich im Bereich der den freien Willen bestimmenden Gesellschaften. Während die Märkte den „Unterbau“ organisieren, setzen die emanzipierten Träger des gesellschaftlichen Willens die qualitative und geistige Macht ihres politischen Willens. Nicht Angst und Paternalismus, sondern equilibrierendes Bewusstsein und freier Wille steuern zivilisatorische Entwicklung und Normativität der Immanenz ständig transformierender Ordnungsdynamiken – im Inneren wie im Äußeren.
V Evolutionäre Weltordnungen: Zivilisationen als Gesellschaftswelten
Gemessen an den Bedingungen menschlicher Evolution hat die Staatenwelt in den letzten Jahrhunderten versagt: Generierung von Ängsten, Regelungsdominanz und Gewalt, illegitime Kontrolle, vor allem die damit verbundene Begrenzung menschlicher Entwicklungsdynamiken – oft auch religiös-ideologisch camoufliert – haben die Zivilisationen in ihren Abstieg, im Zweifel an ihren Endpunkt geführt. Ohne jede human adäquate Legitimation haben sie ihren administrativ-koordinierenden Auftrag missbraucht und die strukturelle Entropie des internationalen Systems verursacht. Diese Welt-Unordnung ist nur durch eine Kopernikanische Wende, besser: einen Quantensprung in die Zentropie, eine freiheitlich-friedliche, ko-kreativ gesellschaftliche Weltordnungsdynamik zu leisten, um Zukünfte der Menschenwürde angemessen zu gestalten.
Diese zivilisatorischen Zukünfte und also auch Ordnungen hängen mehr denn je vom Menschen Selbst und seiner individuell-gesellschaftlichen Fähigkeit zur Rückverbindung mit seiner transzendenten Evolutionsgesetzlichkeit ab. Diese Bestimmung – wohl nie Aufgabe des Staats – ist nur durch die Gesellschaften zu definieren: Eine für Menschen lebenswerte Welt ist nur eine Welt freier Gesellschaft. In diesem indivduell-gesellschaftlichen Selbstbewusstsein kann eine adäquate Weltordnungspolitik, eine Menschenpolitik der Internationalen Beziehungen als transnationale Freiheitsordnung gestaltet und bewirkt werden. Alpha und Omega jeder globalen Governance stehen folglich unter dem non-konditionalen Primat freier Gesellschaftswelten.
So ermächtigtes Regieren ist dann weit mehr als staatliches Administrieren: Selbst-Regieren mit universeller Verantwtortung und vor allem mit angemessen dynamischer Normativität, die aus geistiger Erkenntnis und freiem Willen schöpft – freilich in gesellschaftlicher Relativität und Equilibration. Reflektierte Führung aus dem Menschen Selbst schafft eine nachhaltige, zukunftsfähige Weltordnung mit ständigen Findungsprozessen und höchst möglicher Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, denn „des Menschen Wille ist sein Himmelreich“! Eine solche Weltordnung gemäß dem Primat der Gesellschaftswelten macht die Zukunft zur dynamischen, ko-kreativen Gegenwart – und den Planeten zu einem universellen Analogon als Raum des bedingungslos freien Willens.
* Der Verfasser ist Gründungspräsident des International Senate of Cultures (ISC) http://internationalsenate.org Die vorstehenden Reflexionen bilden zugleich den programmatischen Hintergrund der ISC Organisationspolitik. - Curacao, 14.02.2026
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen